Marcus Urban – Deutscher Wegbereiter15 März 2011

„Wer sich von der Last des Versteckens befreit, kann bessere Leistungen als Spieler erbringen“

Marcus Urban arbeitet als Kommunikationsberater und Künstler in Hamburg. In den 1980er Jahren war er DDR-Meister mit der Fußballjugendmannschaft des FC Rot Weiß Erfurt, DDR Jugendnationalspieler und stand kurz vor einer Karriere in der Bundesliga.

Marcus, du hast eine mögliche Bundesligakarriere abgebrochen, weil du dem Druck sich ständig verstellen müssen nicht mehr standhalten wolltest oder konntest. Warum hast du dich 2006 zum öffentlichen Outing entschlossen?

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis hatte ich mich schon lange geoutet. Man kannte mich schon lange. Mein öffentliches Comingout hatte ich in einem Interview. Es war eine Anfrage und ein Bedürfnis der Medien. Meine Biographie „Versteckspieler“ erschien dann ein wenig später und war nur eine logische Folge.

Wie waren die Reaktionen auf „Versteckspieler“ aus der Fußballwelt? Welche Reaktionen gab es von Spielern oder Trainern?

Oh, es gab unglaublich viele Reaktionen und die kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft. Neben den Medien haben sich auch sehr viele Abiturienten und Studenten gemeldet, die sich mit dem Thema beschäftigen. Aber es gab auch viele Rückmeldungen aus der Kirche, von einem ehemaligen Profiboxer und außerdem von Fußballern und einem Stadionsprecher.

Sie alle waren sehr dankbar. Für viele ist das Buch ein Hoffnungsschimmer und Befreiung, aber auch zu einem gewissen Maße Genugtuung.

Man muss sich vor Augen führen, dass viele Schwule und Lesben durch das tägliche Versteckspiel und den Druck, den sie täglich auszuhalten haben, krank werden. Viele haben Depressionen. Andere leiden unter einer Mediakamentensucht. Es herrscht eine große Hilflosigkeit vor. Mein Buch hat vielen neuen Mut und Hoffnung gegeben.

In letzter Zeit häufen sich Presseberichte, wonach Fußballspieler ihre Mitspieler ermutigen, sich zu outen. Zuletzt sprach sich Manuel Neuer dafür aus. Würdest du Spielern zum Outing raten?

Wenn sich jemand von der Last des Versteckspieles befreien will und sowohl bessere Leistungen als Spieler erbringen als auch und ein glücklicherer Mensch sein will, dann auf jeden Fall ja.

Andererseits kenne ich die Ängste und kann sie verstehen. Gerade im Fußball ist der Druck durch die Aufmerksamkeit der Medien ungeheuer groß. Die Fallhöhe ist eine andere als jene eines Sportlers aus einer weniger medial beachteten Sportart.

Doch es gibt Fortschritte. Man sieht eine Kettenreaktion. Der eine fasst Mut durch das Comingout des Anderen. Wir können gerade Comingouts in verschiedenen Sportarten beobachten. Schwulsein wird sichtbarer.

Es gibt Studien in England, die behaupten Spielern würde durch Spielerberater und Agenten von einem Outing abgeraten, weil das schlecht fürs Geschäft ist und Werbeverträge auf dem Spiel stünden. Ist da nicht vielmehr auch ein Platz für homosexuelle Sportler auf dem Werbemarkt?

Wie wir zuletzt sehen konnten, hat Steven Davies [englischer Cricket Spieler] tolle Rückmeldungen. Ich finde es spannend und interessant zu sehen, wie die Fans reagieren. Gerade wenn sich jemand als erstes outet und diesen enormen Mut aufbringt.

Menschen schätzen Mut, Einsatzbereitschaft und Offenheit. Ich könnte mir vorstellen, dass das durchaus von Werbeindustrie nutzbar ist. Langfristig werden Firmen dieses Potential erkennen. Doch man muss auch bedenken, in der Sportwelt gibt es sehr konservative Menschen, die mit Diversity und Anderssein nicht umgehen können.

Sie fühlen sich von Menschen, die nicht dem entsprechen, was von der Mehrheit der Gesellschaft als „normal“ bezeichnet wird, verunsichert und desorientiert. Diese Hilflosigkeit schlägt nicht selten in Ablehnung und Aggression um. Das macht es schwierig.

„Schwule Sau“ und „Schwuchtel“ sind Beschimpfungen, die man nicht selten im Stadion hört. Welche Rolle spielen die Fans? Hat man als Spieler auch Angst vor den Schmähungen nicht nur der gegnerischen sondern auch der eigenen Fans?

Die Angst ist natürlich da und wahrscheinlich auch nicht unberechtigt. Doch daran muss man arbeiten. Wir haben das mit rassistischen Beschimpfungen im Stadion gesehen. Vor ein paar Jahren noch, wurden schwarze Spieler in Stadion beschimpft und Schlimmeres.

Es wird nie völlig verschwinden, aber wir können die Mehrheit der Menschen im Stadion überzeugen und auf die Seite von Antidiskriminierung bekommen. Respekt anderen gegenüber ist das, worauf es ankommt.

Du spielst wieder Fußball, auf Amateurbasis. Wie geht man dort mit dem Thema um? Ist der Umgang mit der Materie im Amateurbereich ein anderer?

Ich habe ja nie aufgehört in meiner Freizeit Fußball zu spielen. Ich habe immer gespielt auch nachdem ich meine Karriere an den Nagel gehängt hatte. Jetzt spiele ich in Hamburg für den FC Sternschanze. Das ist ein sehr bunter und gemischter Verein. Wir haben Menschen mit den unterschiedlichsten Backgrounds, Lebensgeschichten und aus sehr unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Davon profitieren wir und machen auch den einen oder anderen Scherz über uns selbst. Wie es bei anderen Amateurvereinen zu geht, kann ich nicht beurteilen.

Du hast ein Experten Netzwerk „Fussball gegen Homophobie“ gegründet. Wer gehört dem Netzwerk an und was macht Ihr?

Das tägliche Verstecken der sexuellen Identität kostet so viel Kraft. Wer sich ständig verstellen muss, kann keine Leistung erbringen. Diskriminierung kostet also viel Geld. Firmen werfen ihr Geld aus dem Fenster. Das zu verstehen und eine klare Haltung gegen Diskriminierung bringt hingegen Geld. Nur mit dieser Herangehensweise, können wir etwas ändern.

Wir haben außerdem festgestellt, dass in Deutschland schwul-lesbische Organisationen bei der Gleichstellung von Homosexuellen nicht mehr vorankommen. Wir haben viel erreicht in den Bereichen Unterhaltung, Mode, Kunst und auch in der Politik. Nun müssen wir uns daran machen Diversity auch in anderen Bereichen voranzutreiben, in der Wirtschaft, dem Sport, der Kirche, dem Militär, um nur einige Lebensbereiche zu nennen. Dort herrschen immer noch Maskulinität und ein antiquiertes Geschlechterbild vor. Wenn wir alle Teile der Gesellschaft erreichen wollen, müssen wir neue Wege finden, diese auch in einer spezifischen Art und Weise ansprechen. Nur mit differenzierten Herangehensweise kann in diesen Bereichen etwas erreicht werden.

Wir haben das Netzwerk gegründet, weil wir die Notwendigkeit sehen, zu dokumentieren, dass es Leute gibt die an dem Thema arbeiten. Außerdem soll es möglichst viele Menschen zusammenführen und für die Problematik sensibilisieren.

Es geht um das Sichtbarmachen von Homosexualität im Fußball. Wir versuchen außerdem Maßnahmen und Lösungen zu bieten und für Verbände und Vereine als Ansprechpartner bereitzustehen. Es gab ein erstes Netzwerktreffen beim Zweitliga Club FSV Frankfurt. Dort haben wir Schulungen und Seminare veranstaltet und es gibt auch einen schwul-lesbischen Fanclub beim FSV mit dem wir zusammenarbeiten.
Zukünftige Seminare sollen auch bereits im Jugendbereich für mehr Sensibilisierung sorgen.

Wir hoffen, in Zukunft noch mit vielen weiteren Clubs zu arbeiten und die nötige Unterstützung zu geben.

Für mehr Informationen: Marcus Urban oder